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Wie E.ON, Voltix und GreenWay den Fernverkehr umbauen und was das neue EU-Projekt für Speditionen bedeutet

LKW an EON Ladestation - Bildnachweis: EON

 

Strom, der Lastwagen bewegt

Ein Ladevorgang, der stärker ist als ein kleines Kraftwerk – und das mitten auf Europas Autobahnen. Was heute noch nach Zukunft klingt, soll in weniger als drei Jahren Realität sein: elektrische Lastwagen, die mit einem Megawatt Ladeleistung in 30 bis 40 Minuten wieder für Hunderte Kilometer Energie tanken. Hinter dieser Vision steht ein Infrastrukturprojekt, das den europäischen Schwerlastverkehr auf eine neue technische Stufe heben könnte.

EON, Voltix und GreenWay haben von der Europäischen Union eine Förderzusage in Höhe von 70,3 Millionen Euro erhalten. Damit soll bis 2028 ein grenzüberschreitendes Netz aus rund 330 Megawatt-Ladepunkten entstehen. Die Stationen werden an 55 Standorten in neun Ländern platziert, darunter auch Deutschland. Jeder Ladepunkt bringt mindestens ein Megawatt Leistung, manche sogar mehr. Jedenfalls genug, um einem batterieelektrischen 40-Tonner in kürzester Zeit die nötige Reichweite zu verschaffen.

Europas Stromachsen für den Schwerverkehr

Der Plan klingt denkbar ehrgeizig. Die drei Unternehmen wollen das Rückgrat für die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs schaffen. Dieser Bereich gilt als die bislang letzte Bastion des Selbstzünders. Entlang der wichtigsten europäischen Verkehrskorridore entstehen Ladehubs in Deutschland, Österreich, Dänemark, Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, Polen und Ungarn. Die Standorte sollen rund um die Uhr verfügbar sein, einfache Bezahlmodelle bieten und offenen Roaming-Standards folgen, um Lkw-Fahrern den Zugang zu erleichtern.

Für den Transportsektor ist das ein entscheidender Schritt. Bisher scheiterten viele Speditionen an drei Dingen: Reichweite, Ladezeit und Wirtschaftlichkeit. Das geplante Megawatt Charging System (MCS) verspricht, genau diese Hürden abzubauen. Es soll ermöglichen, dass elektrische Lkw erstmals in Effizienz und Betriebskosten mit einem modernen Diesel konkurrieren können. Ein Meilenstein für den klimaneutralen Güterverkehr.

Technologie mit Hochspannungspotenzial

Das technische Herzstück des Projekts ist die MCS-Schnittstelle. Sie erlaubt eine Ladeleistung von bis zu 1.250 Kilowatt und setzt neue Maßstäbe im Bereich der Hochstromtechnik. Bei Stromstärken von mehreren tausend Ampere müssen Kabel und Steckverbindungen flüssigkeitsgekühlt werden, um thermische Verluste gering zu halten.

Solche Ladepunkte erfordern eine stabile Stromversorgung auf Mittelspannungsebene, häufig ergänzt um Batteriespeicher oder lokale Photovoltaikanlagen, um Netzspitzen abzufangen. Viele der geplanten Megawatt-Stationen werden daher mit integrierten Energiemanagementsystemen ausgestattet. Damit lassen sich die Lastprofile steuern und der Eigenverbrauch erneuerbarer Energie optimieren.

Gerade in Deutschland, wo das Stromnetz bereits stark ausgelastet ist, bleibt der technische Anschluss solcher Hochleistungsstationen eine Herausforderung. Verteilnetzbetreiber müssen langfristig planen und Reservekapazitäten bereitstellen, um gleichzeitig die Versorgungssicherheit und den Industriebedarf zu decken.

Politische Dimension: Europas Energiekorridor

Die EU fördert das Projekt über die sogenannte Alternative Fuel Infrastructure Facility (AFIF), ein Teilprogramm der „Connecting Europe Facility“, das seit 2021 Projekte zur Dekarbonisierung des Verkehrs unterstützt. Ziel ist, die zentralen TEN-T-Korridore auf den wichtigsten europäischen Transitrouten mit Lade- und Wasserstoffinfrastruktur auszustatten.

Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle: Es liegt inmitten des europäischen Transitverkehrs und ist Drehscheibe zwischen Nord- und Südeuropa. Allein durch deutsche Autobahnen rollen täglich mehr als 1,3 Millionen Lkw, davon der Großteil im internationalen Transit. Für die Bundesregierung ist das Projekt daher mehr als ein technisches Experiment. Es ist ein politisches Signal, dass elektrischer Schwerlastverkehr nicht länger nur auf dem Papier existiert.

Doch der Umbau hat seinen Preis. Während die EU 70 Millionen Euro beisteuert, müssen die Projektpartner den Großteil der Investitionen selbst tragen. Die Gesamtkosten dürften sich, nach heutiger Schätzung, auf deutlich über 200 Millionen Euro summieren.

Industrie im Umbruch

Dass ausgerechnet Energiekonzerne und nicht die Fahrzeughersteller die Initiative ergreifen, ist kein Zufall. EON, mit seinem Tochterunternehmen EON Drive Infrastructure, betreibt bereits über 8.000 öffentliche Ladepunkte in elf Ländern und strebt eine Führungsrolle im Hochleistungssegment an. Voltix, eine Tochter von Vinci Concessions, konzentriert sich auf Ladeinfrastruktur für den Schwerverkehr entlang von Autobahnen und Industriegebieten. GreenWay wiederum bringt jahrelange Erfahrung im Betrieb von Schnellladeparks in Mittel- und Osteuropa ein.

Doch der Markt ist in Bewegung. Wettbewerber wie Ionity, bp pulse und Milence (ein Joint Venture von Daimler Truck, Volvo Group und Traton) arbeiten ebenfalls an Megawatt-fähigen Korridoren. Milence hat bereits rund 1.700 Standorte in Planung und will die ersten Ladeparks 2026 eröffnen. Der Wettbewerb um strategische Standorte an den Autobahnen ist daher längst entbrannt.

Gerade für Deutschland zeichnet sich eine Phase enger Abstimmung zwischen Industrie und Netzbetreibern ab. Denn ohne ausreichende Netzverstärkung drohen Engpässe. Ein Risiko, das schon heute bei Schnellladestationen für Pkw sichtbar ist.

Chancen und Unsicherheiten

Trotz der Euphorie bleibt unklar, wie schnell die Fahrzeugflotten nachziehen. Heute sind in der EU nur wenige hundert vollelektrische Lkw im kommerziellen Einsatz. Hersteller wie MAN, Scania, Volvo Trucks oder Mercedes-Benz Truckline (mit dem eActros 600) bringen in den kommenden zwei Jahren Serienmodelle auf die Straße, doch die Marktdurchdringung hängt von Anschaffungskosten und Ladeinfrastruktur ab.

Ein batterieelektrischer Sattelzug kostet derzeit bis zu doppelt so viel wie ein Diesel-Pendant, und die Reichweiten von 450 bis 500 Kilometern sind nur bei optimalen Bedingungen erreichbar. Das Megawatt-Laden könnte diesen Nachteil ausgleichen – vorausgesetzt, die Standorte sind zuverlässig erreichbar und der Strom stammt aus erneuerbaren Quellen.

Zudem bleibt die Frage, welchen Beitrag alternative Technologien leisten. Brennstoffzellen-Lastwagen gelten nach wie vor als Option für Langstrecken, auch wenn sie bislang geringe Marktanteile aufweisen. Die EU-Förderpolitik scheint jedoch klar auf Batterieelektrifizierung zu setzen.

Der Strompreis als Zünglein an der Waage

Ein sensibler Punkt ist der Strompreis. Speditionen kalkulieren knapp, und ein Ladezyklus im Megawattbereich verschlingt enorme Energiemengen. Bei Kosten von 25 bis 30 Cent pro Kilowattstunde liegt der Energiekostenanteil pro 100 Kilometer derzeit über dem von Diesel. 

Erst wenn Netzgebühren sinken oder Strom aus Eigenproduktion einbezogen wird, kann sich die Bilanz zugunsten der Elektromobilität verschieben. Betreiber wie EON und GreenWay setzen deshalb auf langfristige Stromlieferverträge mit garantiertem Anteil aus erneuerbaren Quellen. Trotzdem bleibt abzuwarten, ob der Kostenvorteil in der Praxis greift oder ob politische Eingriffe – etwa in Form von CO₂-Abgaben auf Diesel – den Ausschlag geben müssen.

Infrastruktur als Engpassfaktor

Entscheidend wird sein, wie schnell die Bau- und Genehmigungsverfahren voranschreiten. Der Aufbau von 55 Lkw-tauglichen Ladeparks erfordert nicht nur leistungsfähige Stromanschlüsse, sondern auch Flächen an Transitachsen, Parkraum für 40-Tonner und Sicherheitsvorkehrungen für Hochspannungsanlagen.

Die Erfahrungen mit Pkw-Ladeparks zeigen, dass der Aufbau teurer und zeitintensiver ist als geplant. Zudem konkurrieren Logistikunternehmen um Flächen an Raststätten, die häufig in staatlicher Hand sind. In Deutschland kommt hinzu, dass viele Autobahnraststätten bereits langfristig verpachtet sind – neue Ladeparks müssen daher auf angrenzende Industrie- und Logistikflächen ausweichen.

Langfristiger Blick: Vom Projekt zur Alltagstechnologie

Trotz dieser Hürden könnte HDV-E den Wendepunkt einläuten. Wenn bis 2028 tatsächlich 330 Ladepunkte in Betrieb gehen, wächst erstmals ein flächendeckendes Schnellladenetz für elektrische Lkw heran. Damit fällt ein wichtiges Argument gegen den elektrischen Güterverkehr weg: die Angst vor mangelnder Versorgungssicherheit.

Doch die Vision reicht weiter. Langfristig sollen Megawatt-Ladestationen auch die Basis für automatisiertes Laden und digitale Vernetzung bilden. Fahrzeuge könnten künftig selbstständig Ladefenster reservieren und Bezahlvorgänge automatisiert abwickeln.

EON und Voltix planen nach Angaben aus dem Umfeld, ihre Standorte modular auszubauen. Je nach Nachfrage könnten zunächst einzelne Ladeplätze errichtet und später auf acht oder mehr erweitert werden. Ziel sei ein Netz, das auf Wachstum vorbereitet ist, nicht nur für heutige E-Lkw, sondern auch für künftige Hochleistungsmodule etwa im Fernverkehr oder bei elektrischen Bussen.

Deutschlands Rolle im europäischen Gleichgewicht

Für die deutsche Transportwirtschaft ist die Entwicklung von doppelter Bedeutung. Einerseits droht ohne funktionierendes Megawattnetz Wettbewerbsnachteil für heimische Logistiker, andererseits bietet der Ausbau Chancen für Energieversorger, Netzbetreiber und Standortkommunen.

Mehrere Bundesländer, darunter Niedersachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen, prüfen derzeit eigene Förderprogramme für Ladeinfrastruktur im Schwerlastsektor, um Synergieeeffekte mit dem EU-Projekt zu erzielen. Das Bundesverkehrsministerium verfolgt dabei die Strategie, nationale Knotenpunkte wie Hamburg, Hannover, Frankfurt und München in europäische Netzkorridore einzubinden.

Eine ehrgeizige Strombrücke in die Zukunft

Das Projekt HDV-E markiert einen Wendepunkt in der europäischen Verkehrspolitik. Zum ersten Mal fließt erhebliche EU-Förderung in ein flächendeckendes Hochleistungsnetz speziell für Lkw. Die technische Herausforderung ist enorm, der wirtschaftliche Nutzen noch nicht endgültig belegt. Doch der politische Wille, den Straßengüterverkehr zu elektrifizieren, ist stärker als je zuvor.

Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst, wenn die ersten Ladeparks stehen: Wird der Strom günstig genug sein, um gegen Diesel bestehen zu können? Werden Fahrzeughersteller und Speditionen in gleichem Tempo investieren? Und wie stabil bleibt die Stromversorgung, wenn Megawattladungen zum Alltag werden?

Eines ist bereits sicher: Mit Projekten wie HDV-E entsteht eine neue Infrastrukturklasse. Sie verbindet Ingenieurtechnik, Energiepolitik und Verkehrswirtschaft auf einer Ebene, die über das reine Laden weit hinausgeht. Und zu einem Baustein europäischer Industriepolitik im elektrischen Zeitalter.