Smart #2 auf ersten Testfahrten - Bildnachweis: Smart
Smart #2 bleibt klein, aber denkt groß
Es ist ein vertrauter Anblick – und doch ein ganz neuer Anfang. In den letzten Wochen wurden mehrfach getarnte Smart-Prototypen auf Teststrecken und öffentlichen Straßen gesichtet, die zwar an den bekannten fortwo erinnern, technisch aber auf einer völlig neuen Basis stehen. Der Smart #2 markiert den nächsten Schritt in der Wiedergeburt einer automobilen Idee, die einst mit radikaler Simplizität begann und nun technisch komplexer, aber wieder kompromisslos auf das urbane Leben zugeschnitten ist.

Deshalb fällt zunächst auf, dass Smart trotz des tiefgreifenden Umbruchs seiner Produktlinie – vom fortwo über #1 und #3 bis hin zu künftigen Modellen – den Mut hatte, das ursprüngliche Konzept des Zweisitzers neu aufzulegen. Der #2, dessen Tarnfahrzeuge derzeit auf die Electric Compact Architecture (ECA) abgestimmt werden, soll nicht nur ein Nachfolger, sondern ein eigenständiger Neustart sein.
Die Rückkehr des Kompaktgedankens
Aber was bedeutet ein „neuer Smart“ im Jahr 2026? Der urbane Zweisitzer galt lange als Symbol für platzsparende Mobilität, schlug jedoch in seinem letzten Lebenszyklus zunehmend an Grenzen. Der Wandel hin zur Elektromobilität und zu verschärften Sicherheitsvorgaben machte den Fortbestand eines ultrakurzen Fahrzeugs technisch anspruchsvoll. Nun arbeitet Smart – unter der gemeinsamen Leitung von Mercedes-Benz Design und Geely-Engineering – an einer Lösung, die das Prinzip des fortwo bewahrt, aber in eine neue Ära überführt.

Die neue ECA-Plattform bildet dabei das Rückgrat dieser Entwicklung. Sie ist kürzer als die SEA-Plattform des größeren Smart #1, wurde aber mit denselben Ingenieursprinzipien konstruiert: modular, crashsicher, softwareseitig skalierbar und ausgelegt auf Heckantrieb. In der aktuellen Testphase wird sie in die bekannte Karosseriestruktur des bisherigen fortwo integriert, um die mechanischen Eigenschaften und Proportionen zu validieren. Damit überprüft Smart, ob das künftige Serienmodell tatsächlich wieder jene Wendigkeit und den extrem kleinen Wendekreis erreichen kann, für den die Marke bekannt ist.
Testphase mit alter Hülle und neuer Technik
Deshalb wirken die bislang gezeigten Testfahrzeuge vertraut – sie tragen noch die Karosserien des aktuellen fortwo, doch ihr technisches Innenleben ist neu. Die Plattformintegration erlaubt den Ingenieuren, zentrale Bereiche wie Fahrdynamik, Federung, Bremssysteme und Softwarekalibrierung schrittweise zu optimieren. Nach Angaben aus dem Herstellerumfeld konzentrieren sich die Tests auf vier Kernpunkte: die strukturelle Steifigkeit des Unterbaus, die Hinterachsgeometrie, die Integration der Batterieeinheit und die Systemabstimmung für Stadtverkehr und Schnellstraße.

Aber auch an der Sicherheit wird intensiv gearbeitet. Die Karosserie soll trotz des begrenzten Bauraums die neuesten europäischen Crashtest-Standards erfüllen. Dafür wurde die Bodengruppe in sich versteift, während der Batterieträger zugleich als tragendes Element dient. Experimente mit neuen Energieleitstrukturen innerhalb der Karosserie sollen die Insassen bei Seiten- und Frontkollisionen besser schützen, ohne die kompakten Abmessungen aufzugeben.
Ein neues Maß an Effizienz
Smart bleibt vorsichtig, was konkrete Leistungsdaten betrifft. Dennoch deuten Brancheninformationen darauf hin, dass der #2 mit einem Elektromotor an der Hinterachse ausgestattet wird, dessen Leistung zwischen 80 und 100 kW liegen dürfte. Die Batteriegröße orientiert sich offenbar am aktuellen Stand kleinerer urbaner Elektrofahrzeuge und soll rund 30 bis 35 kWh fassen. Genug für praxisgerechte Reichweiten im Stadtverkehr zwischen 160 und 220 Kilometern nach WLTP. Geladen wird über ein 11‑kW-Bordladegerät, Gleichstromladen könnte mit bis zu 75 kW erfolgen.

Das alles klingt auf dem Papier unspektakulär, aber genau darin liegt der Mut. Während viele Hersteller ihre Elektrokleinwagen aus Rentabilitätsgründen aufgeben, wählt Smart den entgegengesetzten Weg: weniger Auto, aber mehr technischer Feinsinn. Der #2 wird kein Langstreckenmobil, sondern ein urbaner Spezialist für die komplett elektrifizierte Innenstadt. Entscheidend wird sein, ob er diese Rolle überzeugender ausfüllt als der frühere fortwo electric drive, dessen Reichweite und Ladegeschwindigkeit in der letzten Generation nur bedingt alltagstauglich waren.

Design als Balanceakt zwischen Tradition und Moderne
Der Smart #2 soll auch optisch an alte Tugenden anknüpfen. Das von Mercedes-Benz geleitete Designteam arbeitet an einem frischen Auftritt mit weniger Retro-Anklängen als beim fortwo, aber einer klaren Wiedererkennbarkeit. Kurze Überhänge, die markante Zweifarblackierung und die Radstellung an den Ecken werden bleiben, doch die neue Formensprache dürfte runder, technischer und digitaler werden.
Im Innenraum soll der Generationswechsel noch deutlicher ausfallen. Digitale Instrumentierung, das zentrale Touchdisplay und ein minimalistisches Bedienkonzept sind gesetzt. Gleichzeitig möchte Smart die Übersichtlichkeit und Einfachheit des Klassikers beibehalten. Materialien aus Recyclingquellen und eine leichtere Konstruktion deuten darauf hin, dass Smart erneut versucht, funktionale Nachhaltigkeit mit emotionalem Design zu verbinden.
Der Blick nach innen – Fortschritt aus Erfahrung
Aber warum testet Smart überhaupt noch mit so viel Verzögerung, während andere Marken jedes Jahr neue Modelle präsentieren? Die Antwort liegt im Anspruch: Anders als bei den größeren #1 und #3 entsteht der #2 weitgehend neu, ohne bestehende Plattform als Grundlage. Jedes System – von der Batterieintegration bis zur Fahrwerkssoftware – muss daher erneut validiert werden. Diese Testphase, die seit Herbst 2025 läuft, findet an mehreren Standorten statt, unter anderem in Deutschland, China und Nordeuropa. Temperaturen, Straßenbeläge und extreme Belastungsszenarien sollen gewährleisten, dass das Serienfahrzeug den gehobenen Qualitätsstandards von Mercedes entspricht.
Smart nennt bislang keinen Preisrahmen, doch angesichts der Marktposition dürfte das Basismodell voraussichtlich im Bereich von etwa 22.000 bis 25.000 Euro starten – vor Förderung. Damit würde der #2 unterhalb des #1 positioniert, aber über früheren fortwo-Varianten liegen. Entscheidend wird daher auch, ob der neue Smart seinen Mehrwert überzeugend begründet: mit besserer Reichweite, höherem Komfort und zeitgemäßer Sicherheit.
Zwischen Tradition und Neuanfang
Der Smart #2 steht an einem Wendepunkt. Einerseits soll er das uralte Versprechen einlösen, das die Marke seit 1998 trägt: maximale Mobilität auf minimalem Raum. Andererseits muss er sich in einem Markt behaupten, der zunehmend von größeren, komfortorientierten Elektrofahrzeugen dominiert wird. Die Herausforderung liegt darin, das Lebensgefühl des fortwo in eine vernetzte, digitale und emissionsfreie Zukunft zu transportieren – ohne dabei den Charme der Einfachheit zu verlieren.
Deshalb wird der #2 mehr als nur ein Modell: Er ist ein Experiment, ob die Idee eines kompromisslosen Stadtautos im Elektromobilitätszeitalter noch funktioniert. Die späte vorgesehene Markteinführung Ende 2026 verschafft Smart Zeit, die Technik zu perfektionieren, birgt aber das Risiko, dass sich urbane Mobilität bis dahin weiter verändert. Mikromobilität, Carsharing und autonome Shuttle-Konzepte könnten dann bereits andere Antworten geben, wo der Smart seine historische Rolle einst fand.
Fazit
Smart steht also erneut vor einer Zäsur seiner eigenen Geschichte. Der neue #2 verbindet die DNA des ikonischen fortwo mit moderner Elektrotechnik und ambitionierter Sicherheitstechnik. Er steht sinnbildlich für die Beharrlichkeit einer Marke, die gegen den Trend kleiner wird, um wieder präziser zu werden. Wenn die Versprechungen der Testphase eingelöst werden, könnte der Smart #2 zu einem der letzten echten Stadtwagen werden – reduziert aufs Wesentliche, technisch durchdacht und unaufdringlich modern.

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