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Zukunft aus Polen – VWN investiert für den elektrischen Crafter in das Werk Września

Volkswagen investiert in den Ausbau des Werks in Września - Vildnachweis: VWN / Volkswagen

Der leise Riese aus Polen

Wenn in der Provinz Wielkopolska die Fundamente beben, geht es nicht um ein Erdbeben, sondern um einen Neubeginn. In Września, dort, wo Volkswagen seit fast zehn Jahren den Crafter montiert, wächst die Zukunft aus Beton, Stahl und Stromanschluss. Zwei neue Werkshallen markieren den Übergang in ein Zeitalter, in dem selbst robuste Nutzfahrzeuge lautlos rollen sollen.

Der strategische Schritt in Europas Nutzfahrzeugnetz

Das Werk Września entstand 2016 als Ergänzung zum bereits traditionsreichen Standort Poznań. Heute gilt es als eines der modernsten Werke des Volkswagen‑Konzerns. Doch die geplante Erweiterung ist mehr als nur ein logistisches Update – sie schreibt die Fertigungsgeschichte der Marke neu. Denn mit der nächsten Generation des vollelektrischen Crafter will Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) nicht weniger als den Sprung vom effizienten Diesel in das Hochvolt‑Zeitalter meistern.

Deshalb fließen in den kommenden Jahren Investitionen in Millionenhöhe nach Polen. Konkrete Summen nennt VWN nicht, Branchenkreise gehen jedoch von einem Betrag im hohen dreistelligen Millionenbereich aus. Der Bau einer neuen Karosseriehalle und eines Batterielagers soll bis 2027 abgeschlossen sein. Die Grundsteinlegung ist für November 2025 vorgesehen, die Hauptbauphase startet Anfang 2026.

Warum Polen zur Schlüsselregion wird

Dass der Standort ausgerechnet in Polen wächst, ist kein Zufall. Hier produziert VWN bereits den Crafter und dessen Zwilling MAN TGE – Modelle mit stabiler Nachfrage in ganz Europa. Die Fertigungstiefe ist hoch, die Logistik erprobt, und die Arbeitskosten liegen deutlich unter denen in Deutschland. Gleichzeitig garantiert die Region stabile politische Rahmenbedingungen und qualifizierte Fachkräfte. Rund 9.000 Beschäftigte zählt Volkswagen Poznań heute, womit das Unternehmen der größte Arbeitgeber in Großpolen ist.

Aber der Ausbau ist mehr als eine lokale Wachstumsstory. Er steht exemplarisch für die Verlagerung strategisch wichtiger Produktionsschritte innerhalb Europas – weg von kurzfristiger Kostenoptimierung hin zu langfristiger Sicherung industrieller Kompetenz. Dass VWN dabei auf ein Werk setzt, das bereits zu 100 Prozent mit regenerativer Energie betrieben wird, ist Ausdruck eines langsamen, aber konsequenten Strukturwandels im Nutzfahrzeugbau.

Energie, Qualität, Automatisierung: das neue Rückgrat

Das Gelände in Września umfasst 220 Hektar, rund 300 Fußballfelder. Über 1.300 Roboter greifen dort ineinander, gesteuert von KI‑assistierten Qualitätskontrollen. Diese digitale Infrastruktur wird künftig nicht nur Bleche härten, sondern auch Aluminium‑ und Batteriemodule präzise positionieren. Für den elektrischen Crafter sind neue Montageschritte erforderlich – besonders in der strukturellen Integration des Akkupacks und der Hochvoltarchitektur.

Bereits heute bezieht das Werk einen Viertel seines jährlichen Strombedarfs aus einer eigenen Photovoltaikanlage mit 18,3 Megawatt Leistung. An sonnenreichen Tagen ist es nahezu energieautark, womit Volkswagen Poznań im Verbund der Konzernstandorte eine der umweltfreundlichsten Fabriken Europas betreibt. Sollte diese Versorgung stabil bleiben, könnte Września in wenigen Jahren als Blaupause für den ressourceneffizienten Nutzfahrzeugbau gelten.

Die neue Crafter‑Generation und ihre Bedeutung

Zur technischen Auslegung des neuen E‑Crafter bleibt VWN offiziell zurückhaltend. Branchenquellen rechnen mit einer völlig neuen Plattform, die auf den modularen Einheitszellen (SSP‑Technologie) des Konzerns basiert und Reichweiten von deutlich über 400 Kilometern realistisch erscheinen lässt. Geladen wird mit bis zu 170 Kilowatt Gleichstrom, womit sich die kleine und mittlere Flottenkundschaft erstmals effizient elektrifizieren lässt.

Preislich dürfte der neue elektrische Crafter oberhalb des heutigen Diesel‑Grundmodells ansetzen. Dessen Listenpreis liegt in Deutschland derzeit bei etwa 47.000 Euro netto, während die aktuelle elektrische Generation eCrafter mit rund 69.000 Euro startet. Die nächste Version könnte, abhängig von Batteriegröße und Aufbauvariante, in einem Korridor zwischen 65.000 und 85.000 Euro rangieren – vor Abzug möglicher staatlicher Förderungen.

Arbeitsplätze, Verantwortung und Risiko

Die Entscheidung für den Ausbau ist auch eine soziale Botschaft. Die Gewerkschaft Solidarność sieht darin die Chance, langfristig Fachwissen im Bereich Hochvolttechnik aufzubauen und die Beschäftigung zu sichern. Doch sie bleibt vorsichtig: E‑Mobilität bedeutet auch Rationalisierungspotenzial, weil elektrische Antriebe weniger Montageschritte erfordern als Verbrennungsmotoren.

Deshalb steht hinter dem neuen Werk zugleich eine große Wette: dass Nachfrage und Ladeinfrastruktur in ganz Europa schnell genug wachsen, damit sich Investitionen und Know-how auszahlen. In Deutschland etwa sank die Zahl der staatlich geförderten Elektrotransporter zuletzt leicht, weil Flottenmanager auf stabile Restwerte warten. VWN muss also beweisen, dass E‑Nutzfahrzeuge auch im harten Alltag von Handwerksbetrieben, Kurierdiensten und Kommunen funktionieren.

Stimmen und Signale aus der Region

Auch die polnische Politik begrüßt den Ausbau – nicht als Symbol, sondern als Faktor. Die Automobilindustrie erwirtschaftet rund acht Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt mehr als 200.000 Menschen. Hinzu kommen Zuliefernetzwerke aus Metallverarbeitung, Kunststofftechnik und Softwareentwicklung. Jeder Arbeitsplatz in der Fahrzeugproduktion sichert mehrere in angrenzenden Branchen.

Die Gemeinde Września profitiert seit Jahren von dieser Entwicklung: höhere Steuereinnahmen, Zuzug junger Fachkräfte, lokale Bildungsprojekte. Deshalb gilt das Werk längst als Anker nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sozialer Stabilität. In Zeiten internationaler Unsicherheit ist das eine bemerkenswerte Konstante.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Das Projekt reiht sich in eine 75‑jährige Geschichte ein, in der VW Nutzfahrzeuge immer wieder Wandel gestaltet hat. Vom legendären Bulli über den robusten Transporter bis hin zum vollelektrischen ID. Buzz – kaum eine Marke steht so deutlich für Wandel im Spannungsfeld zwischen Tradition und technologischem Aufbruch.

Der Ausbau in Polen fügt dieser Geschichte ein neues Kapitel hinzu: ein Werk, das modernste Robotik mit regionaler Verwurzelung verbindet und zeigen soll, dass Digitalisierung, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit kein Widerspruch sein müssen.

Aber noch ist nichts entschieden. Der elektrische Crafter muss beweisen, dass er nicht nur in der Theorie funktioniert, sondern im Alltag überzeugt. Erst dann wird sich zeigen, ob Września wirklich das Herz der neuen leisen Nutzfahrzeuggeneration wird.